10. KAPITEL
Giles wußte nicht genau, wie spät es war. Er wußte nur, daß es bald hell würde, und daß er die Bibliothek seit gestern nicht verlassen hatte. Übernächtigt und in zerknittertem Jackett stand er nun am Telefon, während er in einem Buch blätterte.
„Xander? Nein, ich habe immer noch nichts von Buffy gehört. Ich finde, du solltest zu ihr fahren und mal nachsehen ... "
Er brach ab, als er plötzlich auf einer Seite etwas entdeckte.
Etwas sehr Wichtiges.
„Sofort", befahl er, als Xander Einwände machte. „Ich weiß auch nicht. . . laß dich von Cordelia fahren."
Er legte auf. Schnell lief er zu dem Tisch, wo Willow hinter dem Computer eingeschlafen war.
Giles rüttelte sie sanft an der Schulter. Willow fuhr erschrocken hoch und schrie.
„Keine Warnung an die Kaulquappen!"
Verblüfft über diesen Ausbruch starrte Giles auf sie herab.
„Meine Güte. Bist du sicher, daß es dir gut geht?”
„Giles? Was machen Sie denn hier?”
„Du befindest dich in der Bibliothek, Willow. Du bist eingeschlafen.”
„Oh ... ich .. .”
„Warnung an die Kaulquappen?” Giles zog eine Augenbraue hoch, und Willow machte ein schafsdämliches Gesicht.
„Ich ... ich hab Angst vor Fröschen.” Als sie Giles' belustigte Miene sah, fügte sie hinzu: „Tut mir leid . . . ich konnte einfach nicht mehr.”
„Aber bitte”, beruhigte Giles sie. „Du hast doch schon mehr als deine Pflicht getan. Und zum Glück habe ich wohl endlich etwas gefunden.”
„Ja wirklich?”
Er nickte und hielt das Buch hoch. „Ich mußte bis zum Lutherischen Index zurückgehen. Aber ich habe eine Beschreibung des fehlenden du Lac-Manuskripts gefunden. Es geht um ein Ritual, Willow. Ich habe die genauen Einzelheiten noch nicht entschlüsseln können, aber soweit ich verstanden habe, besteht der Zweck des Rituals darin, einen kränklichen und schwachen Vampir wieder stark zu machen.”
Willow riß die Augen weit auf. „Einen Vampir wie Drusilla?”
„Ganz genau.”
„Und was hat das mit dem Orden von Taraka, mit diesen Mördern, zu tun?”
„Ich könnte mir vorstellen, daß Spike sie rief, um Buffy außer Gefecht zu setzen”, erklärte Giles. „Er wollte den Störenfried ausschalten, der immer wieder seine Pläne durchkreuzt.”
Willows Miene hellte sich auf. „Also das ist eine gute Nachricht! Jetzt wissen wir, worum es geht.”
„Ich wünschte, ich könnte dir beipflichten”, seufzte Giles. „Aber wir kennen nur das Ziel des Rituals. Was wir nicht wissen, ist, wo es stattfinden soll oder wann . . . wir wissen nicht, was zu seiner Durchführung benötigt wird.”
„Also, das klingt eher schlecht”, sagte Willow.
„Nein. Nein. Wir müssen nur noch mehr wissen.”
Er lächelte sie ermutigend an, aber Willow warf ihm nur einen seltsamen Blick zurück.
„Und warum sind Sie dann so bedrückt?”
„Potzblitz, ich glaube, er hat es!”
Mit einem triumphierenden Lächeln sah Spike zu, wie Dalton das du Lac-Manuskript zuklappte. Die Transkription war beendet. Er nahm das Blatt und rauschte hinüber zu Drusilla.
„Der Schlüssel zu deiner Heilung, mein Küken!" verkündete Spike.
Er sah sie bewundernd an - dieses bleiche, schwindsüchtige Gespenst namens Drusilla. Sie lag auf einer Samtliege und hatte ihre Tarotkarten im Schoß ausgebreitet. Spike drückte sie an sich.
„Das verdammte fehlende Bindeglied!" fuhr er fort. „Es war. . ."
„Genau vor unseren Augen", vollendete Drusilla seinen Satz.
Müde nahm sie seine Hand. Legte sie auf eine der Karten.
Das Bild zeigte einen Engel. Doch es war ein fallender Engel, der durch den Himmel in ein vorherbestimmtes Schicksal hinabstürzte.
Drusilla sah ihn mit ihren dunklen Augen an. „Die ganze Zeit schon."